Nelson Goodman zur Einführung

Axel Spree

 

"Zahllose Welten, durch Gebrauch von Symbolen aus dem Nichts erzeugt - so könnte ein Satiriker einige Hauptthemen im Werk Ernst Cassirers zusammenfassen. Diese Themen – die Vielheit von Welten, die Scheinhaftigkeit des 'Gegebenen', die schöpferische Kraft des Verstehens, die Verschiedenartigkeit und die schöpferische Kraft von Symbolen – sind wesentliche Bestandteile auch meines Denkens." Mit diesen Anfangssätzen aus Ways of Worldmaking (1978; dt. Weisen der Welterzeugung) beschreibt Nelson Goodman (geboren am 7. August 1906 in Somerville, Massachusetts; gestorben am 25. November 1998 in Needham, Massachusetts) die Schwerpunkte seiner Philosophie - eine durchaus überraschende Selbstbeschreibung für einen Philosophen, der neben Willard Van Orman Quine als wichtigster Vertreter jener Richtung innerhalb der analytischen Philosophie gilt, die philosophische Probleme (im Anschluß an Bertrand Russell und Rudolf Carnap) mit Hilfe der modernen Logik beschreiben und lösen wollte. Tatsächlich hat Goodmans philosophischer Werdegang, trotz aller Homogenität und Folgerichtigkeit in seinen Grundüberzeugungen, mehrfach für Überraschungen und damit Diskussionsstoff gesorgt.

Seinen bis heute bekanntesten und meistdiskutierten Beitrag leistet Goodman in Fact, Fiction and Forecast (1954; dt. Tatsache, Fiktion, Voraussage), einer Untersuchung des Problems der irrealen Bedingungssätze und des Induktionsproblems. Für Goodman ergibt sich das "neue Rätsel der Induktion" nicht aus der Frage, wie man zu sicherem Wissen gelangen kann (dies ist generell unmöglich), sondern vielmehr aus dem Problem, für eine bereits bestehende induktive Praxis diejenigen Regeln zu benennen, mit deren Hilfe gesetzmäßige von akzidentellen Aussagen und d.h. gültige von ungültigen Schlüssen unterschieden werden können. Goodman führt zu diesem Zweck das Prädikat "grot" (engl. "grue") ein, das folgendermaßen definiert ist: Ein Gegenstand (Goodmans Beispiel: ein Smaragd) soll genau dann "grot" heißen, wenn er entweder vor dem Zeitpunkt t auf seine Farbe untersucht wurde und sich dabei als grün herausstellte oder wenn er nicht vor t untersucht wurde und rot ist. Das sogenannte "Goodman-Paradox" besteht nun darin, daß dieselben Beobachtungen, bei denen Smaragde für grün befunden werden, zwei verschiedene Hypothesen über die Farbe zukünftig gefundener Smaragde bestätigen, nämlich sowohl die Hypothese, daß alle Smaragde grün, als auch die Hypothese, daß alle Smaragde grot sein werden. Goodmans Lösungsvorschlag läuft darauf hinaus, die Bilanz der bisherigen Projektionen der jeweiligen Prädikate und d.h. die Verankerung der Prädikate im allgemeinen Sprachgebrauch in Rechnung zu stellen. Demnach müssen Projektionen von Prädikaten wie "grot" dann verworfen werden, wenn sie mit sprachlich besser verankerten Prädikaten wie "grün" oder "rot" konkurrieren.

 

 

Von Anfang an war Goodmans Philosophie von einer – wie er selbst sagt – skeptischen, analytischen und konstruktivistischen Orientierung geprägt. Die Darlegung seiner erkenntnistheoretischen Position in Weisen der Welterzeugung ist denn auch weniger eine überraschende Wende zum Skeptizismus und Relativismus als vielmehr eine zusammenfassende Bestandsaufnahme immer schon vorhandener Überzeugungen. Dieser Position liegt die Annahme zugrunde, daß es so etwas wie die eine Welt nicht gibt, deren Abbildung die Aufgabe der Erkenntnis – womöglich nur der wissenschaftlichen – wäre. Vielmehr wird die Welt in einem konstruktiven Erkenntnisprozeß erst geschaffen oder gemacht. In diesem Prozeß verschwindet freilich die eine Welt, und an ihre Stelle treten verschiedene Sichtweisen oder "Weltversionen". Die "Welterzeugung" erfolgt mit Hilfe von Symbolen, wobei der Symbolbegriff äußerst allgemein gefaßt wird: Er umfaßt Buchstaben, Wörter, Texte, Töne, Bilder, Diagramme, Karten, Modelle und vieles andere mehr. Die Symbole, mit deren Hilfe "Versionen" der Welt angefertigt werden, werden Symbolsystemen zugeordnet. Hierzu zählen z.B. die Wissenschaften, die Philosophie oder die Künste. Es gibt demnach viele verschiedene solcher Symbolsysteme, und das heißt auch: Es gibt verschiedene "Weisen der Welterzeugung". Wenn sich diese Weisen im einzelnen auch sehr unterscheiden mögen (etwa Wissenschaft und Kunst), so stehen sie doch prinzipiell gleichberechtigt nebeneinander, oder anders gesagt: keine hat einen absoluten epistemologischen Vorrang vor den anderen. Wissenschaften und Künste unterscheiden sich nämlich in der Art des Symbolgebrauchs, nicht aber in der Richtigkeit oder gar Wahrheit ihres Zugangs zur Welt: Da Welten überhaupt nur in 'symbolischer Vermittlung' und niemals 'an sich' zu haben sind, fehlt jeder Maßstab der Beurteilung für die Richtigkeit einer Weltversion in bezug auf die Welt an sich. Beide – Wissenschaften und Künste – müssen demnach als Mittel der Erkenntnisgewinnung betrachtet werden. Die Theorie der Kunst ist deshalb – ebenso wie die Theorie der Wissenschaften – Teil einer umfassenden Erkenntnis- bzw. Symboltheorie.

 

 

In seinem 1968 erschienenen Hauptwerk Languages of Art (dt. Sprachen der Kunst) untersucht Goodman die unterschiedlichen Formen symbolischer Bezugnahme am Beispiel der verschiedenen Künste. Sein Anliegen in diesem Buch ist von dem 'traditioneller' Ästhetiken allerdings denkbar weit entfernt: Es geht ihm weder um eine – womöglich einheitliche – Definition der Kunst, noch spielen Probleme der Wertung oder der Festlegung von Kriterien für ästhetische Qualität eine Rolle. Für Goodman sind Fragen der Schönheit und des Genusses in der Kunstphilosophie zweitrangig gegenüber solchen nach den Symbol- und letztlich Erkenntnisfunktionen der Künste. Darüber hinaus erfolgt die Untersuchung quasi stellvertretend für die Prozesse symbolischer Bezugnahme in anderen Bereichen, etwa in der Wissenschaft oder der alltäglichen Wahrnehmung.

Goodman unterscheidet verschiedene Formen der symbolischen Bezugnahme. Die Repräsentation oder Abbildung in den pikturalen Künsten, die musikalische Notation und die verbale Beschreibung faßt er als Formen der Denotation, d.h. als extensionale Bezugnahme. Diese Denotation kann buchstäblich sein (etwa wenn ein Bild Churchill darstellt oder ein Ausdruck sich auf einen realen Gegenstand bezieht) oder fiktiv (z.B. das Bild eines Einhorns oder der Name "Don Quichote"). Während bei der Denotation die Richtung der Bezugnahme vom Symbol (einem Bild oder einem Ausdruck) zum Gegenstand oder Referenten verläuft, wird das Symbol bei der Exemplifikation von einem Prädikat denotiert, das auf dieses Symbol zutrifft; die Bezugnahme verläuft also in die umgekehrte Richtung. Die Symbolfunktion der Exemplifikation, die Goodman erstmals ausführlich analysierte und die zum Gegenstand umfangreicher Diskussionen geworden ist, wird definiert als "Besitz plus Bezugnahme": Ein Symbol (z.B. ein Bild) exemplifiziert eine Eigenschaft (z.B. eine bestimmte Farbe), wenn es diese sowohl besitzt als auch auf sie Bezug nimmt. Goodmans häufig herangezogenes Beispiel für die Exemplifikation ist die Stoffprobe im Musterbuch eines Polsterers: So eine Probe besitzt eine Reihe von Eigenschaften, die auch der Stoffballen besitzt, für den sie ein Muster ist. Auf diese Eigenschaften – etwa Farbe, Textur usw. – verweist die Probe, sie stellt jedoch kein Muster für alle ihre Eigenschaften dar (beispielsweise nicht für ihre Größe). Bloßer Besitz stellt demnach noch keine Exemplifikation dar, ebensowenig wie Bezugnahme ohne Besitz. Die Stoffprobe exemplifiziert nur diejenigen Eigenschaften, die sie einerseits besitzt und auf die sie andererseits Bezug nimmt. – Im Gegensatz zur buchstäblichen Bezugnahme der Exemplifikation handelt es sich beim Ausdruck um eine Form der metaphorischen Bezugnahme, genauer: der metaphorischen Exemplifikation, insofern als ein Bild, das beispielsweise Trauer zum Ausdruck bringt, diese Trauer nicht buchstäblich besitzt, sondern eben metaphorisch. – Ausdruck und Exemplifikation sind Symbolfunktionen, die besonders in den Künsten eine Rolle spielen; vor allem die Exemplifikation erlaubt es, auch solchen Kunstwerken, die in traditioneller Redeweise gar keine Symbolfunktion mehr aufweisen (wie beispielsweise abstrakte Gemälde), noch eine symbolisierende und damit erkenntnisfördernde Funktion zuzuschreiben.

 

 

Die in Sprachen der Kunst am Beispiel der Künste entworfene Symboltheorie und ihre erkenntnistheoretische Entfaltung in Weisen der Welterzeugung führen Goodman in dem gemeinsam mit Catherine Z. Elgin verfaßten Band Reconceptions in Philosophy and Other Arts and Sciences (1988; dt.: Revisionen: Philosophie und andere Künste und Wissenschaften) zu einem Vorschlag für eine grundsätzliche "Neufassung der Philosophie". Die Autoren regen an, die philosophisch zentralen Begriffe Wahrheit, Gewißheit und Wissen durch Richtigkeit, Übernahme ("adoption") und Verstehen zu ersetzen. Während 'Wahrheit' strenggenommen nur auf verbale Sätze und dort auch nur auf Aussagen (und nicht etwa auf Aufforderungen, Fragen usw.) zutreffen könne, bilde 'Richtigkeit' ein multidimensionales Kriterium, das auf alle möglichen sprachlichen und auch nichtsprachlichen Symbole zutreffe. Die Wahrheit ist nur einer der Faktoren, die Einfluß auf die Richtigkeit des Gesagten oder Dargestellten haben können; sie ist – gelegentlich, aber nicht notwendigerweise – Bestandteil der Richtigkeit. In ähnlicher Weise soll 'Gewißheit' bzw. ihre Alternativen wie 'Wahrscheinlichkeit' oder 'Überzeugung', die allesamt ebenfalls nur auf Aussagen zutreffen können, durch den weiter gefaßten Begriff der 'Übernahme' ersetzt werden. Und schließlich ist auch der Begriff des Wissens zu eng für die angeregte Neufassung, denn Wissen bedarf der Wahrheit und der Überzeugung. Dagegen bietet es sich an, den vielseitigeren Begriff des 'Verstehens' zu verwenden, der sich auch beispielsweise auf Bitten oder Fragen, auf Gemälde oder Tänze erstreckt, die weder wahr noch falsch sind, weder dem Beweis noch der Widerlegung unterliegen und von denen man weder überzeugt sein noch sie bezweifeln kann.